02.-21.August 2004
So nu wird's aber mal wieder Zeit für ein Tagebucheintrag, nicht dass die Leser
daheim denken die beiden Israelis wurden in die Luft gesprengt.
Es hat sich ne ganze Menge ereignet in den letzten 3 Wochen. Ich versuche soeben
mal die wichtigsten Ereignisse zu rekapitulieren.
Anfang August bekamen wir beide Besuch aus Deutschland, unserer alten Heimat.
Mattes, ein ehemaliger Volontär am Rutenberg, kam für 10 Tage mal
vorbeigeschaut, um seine alte Arbeitsstätte und den alten Freunden einen Besuch
abzustatten. Dies wurde von Silvi ( der Leiterin der deutschen Abteilung) prompt
als Anlass verstanden, uns drei zu einem leckeren israelischen Abendessen bei
ihr zu Hause einzuladen. Zu Essen gab es gefüllten Blätterteig mit einer ganzen
Reihe von Salaten. Einfach nur lecker. Danach tranken wir noch jede Menge
israelischen Wein und es entwickelte sich ein äußerst amüsantes & hitziges
Gespräch mit ihrem Ehemann, einem Arzt, über die gespannte Lage zwischen Israel
und den palästinensischen Gebieten. Dies artete manchmal in wilden
Konversationen aus, da beide Parteien eben absolut unterschiedliche Meinungen
hatten und das israelische Temperament ja überhaupt nicht mit dem der Deutschen
vergleichbar ist. Da wird eben geschrieen und wild gestikuliert. Na ja und der
Wein trug sein übriges dazu bei.
Man hat aber auch feststellen müssen, dass man als Deutscher keine Ahnung von
der Lage hier in Israel hat, da man nicht hier lebt und die ganzen Umstände und
Zusammenhänge gar nicht kennt, sondern nur den Scheiß aus dem Fernsehen sieht,
welchem einem ein völlig falsches Bild von Israel vermittelt. Dennoch muss man
auch erwähnen, dass sich die jüdischen Israelis nichts sagen lassen und immer an
ihrem Standpunkt festhalten. Und wenn dass nicht hilft, na ja dann wird eben
wieder angefangen zu schreien und wild zu gestikulieren. Und zum Schluss kriegt
man dann zu hören: „ Was soll's,
Gott wird dafür schon eine Antwort haben.“ Na so geht's natürlich nun auch
wieder nicht, aber was will man dagegen machen, so sind sie nun mal, die
Israelis. Alles in allem kann man sagen, dass dieser Abend sehr unterhaltsam,
interessant, amüsant und natürlich lecker war. Man hat einen Einblick in die
israelische Gastfreundlichkeit und dem Familienleben bekommen.
Das ist sowieso zu erwähnen. Die Menschen hier in Israel sind alle sehr offen
und freundlich, bisher hatten wir nie Probleme und an das Schreien der einzelnen
Protagonisten hat man sich sowieso schon längst gewöhnt und inzwischen schreien
wir schon fleißig mit um die Wette.
Ein paar Tage später hatte ich ein ganz
besonderes Erlebnis im deutschen Büro gehabt. Ich saß gerade am Computer und hab
neue Bahai-Bestellungen bearbeitet, als plötzlich das Fenster anfing zu
vibrieren.
Von einem Moment zum andern wurde es mucksmäuschenstill und aus dem
Nachbarzimmer fragte eine Stimme leise und ängstlich: „Ist es vorbei? Hat es
aufgehört?“ Ich wusste gar nicht was der Grund für das plötzliche Schweigen war,
da ich dachte, dass das Vibrieren von einem Flugzeug erzeugt worden war, während
es die Schallmauer durchbrach, was hier in der Woche 2-3mal vorkommt, aber Silvi
sagte mir, dass es sich da wohl nicht um einen Flieger handelte, sondern dies
meine erste Begegnung mit einem Erdbeben war. Aha, das war also ein Erbeben, na
ja, war nur ein kleines und hätte es mir Silvi nicht gesagt, hätte ich es gar
nicht mitbekommen. Sofort musste Silvi eine Reihe von Leuten anrufen und sich
nach ihrem Gesundheitszustand erkundigen, auch typisch israelisch. Aber keine
Angst, alle haben es überlebt, ja ich glaube sogar es wurde nicht mal eine
Person mit lebensgefährlichen Verletzungen aus dem Institut getragen, geschweige
denn hatte leichte Blessuren davongetragen. :-)
Wir haben in den letzten 2 Wochen auch den Kontakt mit den anderen deutschen
Volontären von der „Shimschon Street“ intensiviert und waren mit denen in einem
coolen Studentenschuppen, namens MATEV ESSER, wo wir bei einem Bierchen und
gediegener Jazzmusik von den Strapazen der Arbeit abschalteten. Man kann
allgemein von Haifa behaupten, dass diese Stadt musikalisch verdammt viel zu
bieten hat. So gehen wir jeden Sonntagabend ins HAMATEV, einer Kneipe in
Downtown, nahe dem Hafen, wo man sich an diesem Tag die bereitgestellten
Instrumente krallen kann, um dann den Schuppen richtig einzuheitzen.
Und dass ließ sich unser Berni natürlich nicht zweimal sagen und performte an
den Drums und mit Unterstützung der ASF-Mädels, den altbekannten deutschen
Keimzeitsong „ Kling, Klang“, was bei den Israelis regelrechte Euphorie
hervorrief und mit viel Applaus belohnt wurde.
Während der Woche kommen uns jetzt öfters Rom, Janif und Jossi besuchen und das
artet dann neben Konversationen über Musik, meist in geistigem Dünnschiss aus,
was man anhand der Fotos auch sehen kann. Letzten Mittwoch waren wir fünf im
Irish Pub und sahen eine Lifeband aus Haifa.
Und am Freitag feierten wir feuchtfröhlich die Abschiedsfeier der ASF-Mädels und
trafen viele nette Leute. Fazit des Abends: Viele Züge aus der Wasserpfeife und
2 ordentlich besoffene Sachsen in Israel, die sich in einem lang anhaltenden
Ausnüchterungs- schlaf erstmal wieder von ihrem exzessiven Nachtleben erholen
mussten. Bei mir hatte das eigentlich gut geklappt. Bei Berni, ich weiß nicht so
recht, er stammelte als ich ihn gegen um drei Uhr nachmittags wecken wollte, nur
irgend welche Satzfetzen wie „man ich glob ich bin immer noch breit“ entgegen.
Unser Berni eben.
Auf Arbeit ist seit letzter Woche auch nicht mehr so viel los. Silvi ist im
Urlaub und auch Nava, die Managerin des ganzen Ladens, hat sich eine
Erholungspause genommen. Das heißt, so richtig hält sich jetzt eigentlich
niemand mehr an die Arbeitszeiten. Es ist ein Kommen und Gehen. Eben typisch
israelisch. Trotzdem gibt's hier reichlich „Balagan“, zu deutsch Chaos. Letzten
Feitag zum Beispiel kam eine Familie, die schon seit 2 Wochen reserviert hatte,
nur leider hat mir dass keiner gesagt und das Zimmer, was sie bekommen sollten,
hatte jetzt plötzlich schon ein anderer. Ich musste also erstmal Nava anrufen,
die rief dann Sina und, welche mich wiederum anrief, um mir auf halb russisch,
halb hebräisch die neuen Gefechtsinstruktionen durchzugeben, was ich natürlich
wieder nicht verstanden habe, aber was soll's. Irgendwie hab ich dann halbwegs
was von ihrem Kauderwelsch (schreibt man das so?) mitbekommen und ich machte
mich auf zum Institut, um die richtigen Schlüssel zu holen. Da hatte ich ja
schon reichlich die Schnauze voll, weil das ja eigentlich mein Wochenende ist
und ich echt was besseres zu tun gehabt hätte, als bei 30 Grad im Schatten durch
die Botanik zu rennen. Aber was tut der alte Wollkopf nicht alles, um das kleine
Herz der russischen Küchenfrau zum lachen zu bringen. In dem Sinne: „Marsch,
Marsch!!!!!“ So nu war ich im Institut angekommen und wollt die Schlüssel holen,
da muss ich doch zum Entsetzen feststellen, dass die Tür zu dem Raum, wo die
ganzen Zimmerschlüssel drin sind, abgeschlossen war, obwohl dort jedes Mal wenn
ich vorbeigehe ein Schlüssel hängt.
Irgendwann hatte ich dass mit dem Schlüssel auch auf die Reihe gekriegt und ich
konnte endlich mein Wochenende genießen. Man sieht also, hier ist immer was los
und immer reichlich Balagan, was wiederum mit schreien verbunden ist.
So nun will ich euch aber auch noch was von Frau Zucker erzählen. . Seit 3
Wochen besuche ich Frau Ruth Zucker zweimal die Woche. Sie ist eine ehemalige
Deutsche und 90 Jahre alt, welche 1934 vor den Nazis fliehen musste, da sie eine
Jüdin ist, und illegal nach Palästina einreiste, um ihrem Verlobten zu folgen.
Dort war sie später in den vierziger Jahren Spionin und setzte sich für ein
unabhängiges Israel ein. In den fünfziger Jahren schrieb sie dann als
Journalistin für eine jüdische Zeitung in London. Mit ihrem 60-igsten Lebensjahr
schrieb sie dann ihr erstes Buch und wurde eine angesehene Schriftstellerin.
Ihre Bücher handeln vorrangig von ihren Erlebnissen im Verlaufe ihres Lebens (
Kindheit, Flucht vor der Hitlerdiktatur, Leben in Israel etc.). Eines ihrer
Bücher, was „Meine sieben Leben“ heißt, erreichte sogar Bestsellerstatus,
vielleicht hat man davon mal was gehört. Und ihr Freundes bzw. Bekanntenkreis
hört sich wie ein „Who is Who“ des letzten Jahrhunderts an. Da wären Rita
Süßmuth, mit der sie als eine der ersten Personen überhaupt, Hand in Hand durch
die gefallene Berliner Mauer geschritten ist, des Weiteren war sie die
Astrologin von Herr Gentscher und manchmal kommt auch Shimon Perez auf eine
Tasse Kaffee bei ihr vorbei. Doch das ist nicht alles. Mit 14 Jahren schloss sie
sich einer Gruppe um Mahatma Gandhi an, welche Gewalt als Mittel der
Konfliktbewältigung ablehnte und ihn auf seien Reisen begleitete.
Nu ja, und da sie nach dem letztjährigen Schlaganfall nicht mehr in der Lage
ist, ihre Geschichten selber zu schreiben, benötigt sie immer jemanden, der das
für sie erledigen kann und sie gegebenenfalls in ihrem etwas alten deutschen
Wortschatz berichtigen kann. Das ist dann meine Aufgabe. In ein bis zwei Wochen
werden wir mit ihren neuen Buch anfangen und 7 bis 8 Kurzgeschichten schreiben.
Ab dem ersten September gehen hier auch die Schulferien zu Ende und dann kommen
viele Jugendliche in unserem Alter ans Institut und da hoffen wir doch noch
weitere nette Bekanntschaften zu machen. So, ich hoffe ihr seid jetzt erstmal
wieder über alles informiert worden. Bis zum nächsten mal. Der Rob, alias der
Wollkopf.
Und noch kurz etwas von mir, dem Bernhard.
Ich habe nun endlich meine erste Probe mit Rom hinter mir. Wir hatten zu zweit zu seinen Probeaufnahmen passende Rhythmen gesucht und zum Teil auch gefunden. Zudem veranstalteten wir gegen Ende der Probe eine kleine Session mit Rom an den Congas. Ich hoffe, dass wir jetzt auch endlich noch einen passenden Gitarristen finden, damit Rom auch seine Aufnahmen abschließen kann und wir endlich auf die hiesigen Bühnen steigen können. Aber bis dahin wird noch einige Probenzeit vergehen. Das soweit zu meiner Bandgeschichte hier.
Weiterhin gibt es erfreuliche Nachrichten, was den Besuch des Bläserensembles Riesa betrifft. Die kommen nun definitiv vom 13. bis 21. November nach Israel. Natürlich auch mit einem Abstecher nach Haifa. Ich freue mich schon sehr auf den Besuch. Ich hoffe wir können hier ein paar schöne Konzerte organisieren.
Das war es ganz kurz von mir. Beim nächsten mal schreibe ich dann mehr.
Ich werde jetzt gleich ins HaMatev gehen, ein bisschen trommeln. Litrot, bis zum nächsten Tagebucheintrag.
<< zurück